Energieszenarien 2018

Nitsch, Joachim (2018): Was für einen erfolgreichen Klimaschutz erforderlich ist – Schlussfolgerungen aus aktuellen Szenarien der deutschen Energieversorgung

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Zusammenfassung

  1. Im Jahr 2017 wurden in Deutschland 905 Mio. t CO2äq/a emittiert. Die seit 1990 erreichte Verringerung von Treibhausgasen (THG) beträgt -27,7%. Seit 2009 stagniert die Reduktion, wirksamer Klimaschutz findet derzeit nicht statt. Ohne zusätzliche kurzfristige Maßnahmen wird das Klimaschutzziel 2020 mit einer Minderung von maximal -32% (ggü.1990) um rund 100 Mio. t CO2äq/a verfehlt (Szenario TREND-18).
  2. Die im Klimaschutzplan 2050 (und im Koalitionsvertrag) angestrebten THG-Reduktionsziele2030 von -55% und 2050 von -80% befinden sich im Widerspruch zum Beschluss von Paris, die globale Klimaerwärmung auf maximal 2°C zu begrenzen. Das dafür noch zulässige CO2-Budget für Deutschland (maximal noch 9 Gt CO2) würde dadurch um gut das Doppelte überschritten (Szenario KLIMA-18 PLAN).
  3. Eine aussichtsreiche Annäherung an das 2°C-Ziel erfordert bis 2050 das Reduktionszieldes Energiekonzepts von -95% einzuhalten. Dazu ist bis 2030 eine Verringerung der THG um -65% erforderlich. Der Anteil von erneuerbarer Energien (EE) an der Stromerzeugung (2017 = 36,1%) muss dazu 75% erreichen, ihr Anteil an der gesamten Endenergie rund 37% (derzeit 16,3%) und der gesamte Primärenergieverbrauch muss um 35% unterdem Niveau von 2008 liegen (Szenario KLIMA-18 OPT).
  4. Die erhebliche Reduktion der Kohlestromerzeugung ist zentraler Bestandteil der kurzfristig erforderlichen THG-Minderung. Eine Halbierung der Braunkohlestromerzeugung, entsprechend einer Stilllegung von 9 GW Leistung, eine zusätzliche 20%igeReduktion der Steinkohleverstromung und einem weiteren deutlichen Anstieg der EE-Stromerzeugung um rund 50 TWh/a (2017= 217 TWh/a) führen zu einer wesentlich klimaverträglicheren Stromerzeugung, die insgesamt 62% (=100 Mio. t. CO2/a) zur THG-Minderung bis 2020 beiträgt.
  5. Im Wärmesektor sind ebenfalls nennenswerte THG-Reduktionen möglich. Im Gebäudesektor kann durch die überfällige steuerliche Absetzbarkeit von Investitionen in die energetische Gebäudemodernisierung und die Ausweitung des EE-Wärmegesetzes auf denGebäudebestand ein Schub zur Einsparung von Heizwärme ausgelöst werden. Vor dem Hintergrund niedriger Preise fossiler Energien können im Industriebereich die Ausnahmereglungen bei Energie- und Stromsteuer weitgehend zurückgefahren werden. So entstehen zusätzliche ökonomischen Anreize zu einer rascheren Umstellung auf effizientere Anlagen und Verfahren. In der Kombination von Effizienzsteigerung und dem weiteren Ausbau von EE (Wärmepumpen, Solarwärme) kann im Wärmesektor bis 2020 noch eine Reduktion der CO2-Emissionen von rund 45 Mio. t CO2/a erreicht werden, was einem Beitrag zur Zielerreichung von 28% entspricht.
  6. Das Rückgrat der Energiewende ist der Ausbau der Stromerzeugung auf Wind- und Solarbasis. EE-Strom muss auch die Aufgabe übernehmen, fossile Energien im Wärme und Verkehrsbereich zu verdrängen. Nur so ist bis 2050 eine emissionsfreie Energieversorgung erreichbar. EE-Strom muss dazu in wesentlich größerem Umfang als im „Klimaschutzplan 2050“ vorgesehen, bereitgestellt werden. In 2030 werden mit knapp 500 TWh/a bereits 75% des Bruttostromverbrauchs von EE bereitgestellt. Dazu ist ein durchschnittlicher jährlicher Leistungszubau von netto 11 GW/a erforderlich. In 2050 decken EE dann mit 920 TWh/a (400 GW) nahezu den gesamten Bruttostromverbrauch (Szenario KLIMA-18 OPT).
  7. Die für diesen Umbau der Energieversorgung erforderlichen Mehrinvestitionen gegenüber einem Zustand ohne verstärkten Klimaschutz belaufen sich für eine THG-Minderung um -95% im Zeitraum 2018-2050 auf 2 600 Mrd. € (Szenario KLIMA-18 OPT). Die jahresdurchschnittlichen Investitionen (80 Mrd. €/a) liegen also in der Größenordnung der Ausgaben, die Deutschland jährlich für den Import fossiler Energieträäger ausgibt. Dies zeigt, dass unsere Volkswirtschaft mit der notwendigen „Dekarbonisierung“ der Energieversorgung auf keinen Fall überfordert ist. Der Umbau stellt im Gegenteil eine durchgreifende ökologische Modernisierung und Erweiterung der gesamten Energie- und Verkehrsinfrastrukturen dar und sichert damit die Zukunftsfähigkeit unserer Volkswirtschaft.
  8. Den kumulierten volkswirtschaftlichen Mehrkosten der im Szenario KLIMA-18 OPT angenommenen Investitionsstrategie in Höhe von 1.200 Mrd. € steht eine Abwendung der durch den Klimawandel zukünftig eintretenden Schadenskosten gegenüber. Bei spezifischen Schadenskosten von 80 €/tCO2äq – was eher einem unteren Wert vorliegender Schätzungen entspricht – werden dadurch kumulierte Schadenskosten von rund 1.400 Mrd. € vermieden. Der konsequente Umbau der Energieversorgung ist also mit einem volkswirtschaftlicher „Gesamtnutzen“ verbunden.
  9. Das Marktgeschehen auf dem Energiemarkt ist durch eine völlig unzulängliche Berücksichtigung der Schäden des Klimawandels bei gleichzeitig niedrigen fossilen Energiepreisen gekennzeichnet. Die notwendige Beschleunigung der Energiewende, die möglichst viele Akteure zu klimafreundlichen Investitionen anreizt, ihnen eine angemessene wirtschaftliche Rendite bietet und gleichzeitig marktwirtschaftlich effektiv abläuft, ist unter diesen Rahmenbedingungen nicht möglich. Maßnahmen zur Effizienzsteigerung und zur
    Umstrukturierung der Verbrauchssektoren unterbleiben weitgehend. Förderinstrumente wie das EEG verlieren trotz wachsender Komplexität an Wirkung. Die Energiewende braucht daher einen „anderen“ Markt, der die (externen) Kosten der fossilen Energieversorgung in wirksame Preissignale umsetzt. Das zweckmäßigste Instrument dafür ist die ausnahmslose CO2-Bepreisung aller fossilen Energieträger gemäß ihrem Treibhausgaspotenzial.
  10. Insgesamt werden jährlich rund 70 Mrd.€ (2016) an Steuern (Kraftstoffe 36,5 Mrd. €, Erdgas 2,4 Mrd. €, Heizöl 1,2 Mrd. €; Strom 6,6 Mrd. €) und Umlagen (EEG-Umlage 22,9 Mrd. €; KWK-G-Umlage 1,1 Mrd. €) von den Energieverbrauchern erhoben. Die Verbrauchergruppen sind an diesem Aufkommen relativ unausgewogen beteiligt. Private Haushaltezahlen mit 35 Mrd. € die Hälfte, danach folgen GHD mit 20 Mrd.€. Die Industrie trägt 15 Mrd.€ dazu bei, wovon die privilegierten Unternehmen allerdings nur für rund 4 Mrd. € aufkommen müssen. Auch unter Klimaschutzgesichtspunkten hat die jetzige Abgabenstruktur erhebliche Mängel. Aus der geringen Besteuerung von Erdgas und Heizöl resultieren nur sehr geringe Vermeidungsanreize im Wärmesektor, die hohe Belastung von Strom (einschließlich Umlagen implizit bis zu rund 185 €/tCO2) stellt ein wesentliches Hemmnis für eine klimagerechte Ausgestaltung (Sektorkopplung) der zukünftigen Energieversorgungsstrukturen dar.
  11. Eine CO2-Abgabe kann – unter der Prämisse der Beibehaltung der Kraftstoffbesteuerung in heutiger Höhe – mit angemessenen CO2-Preisen ein ähnliches Aufkommen wie die derzeitige Abgabenstruktur generieren. Bei einer Abgabe in Höhe von 40 (50) €/t CO2 entstehen Einnahmen in Höhe von 67 (75) Mrd. €. Die Lenkungswirkung hinsichtlich Klimaschutz wird gleichzeitig erheblich verstärkt und ist wesentlich zielgerichteter. Für Strom sinkt die Belastung von derzeit 31 Mrd. € auf nur noch 8 Mrd. € (40 €/tCO2) bzw. 10 Mrd. € (50 €/tCO2). Brennstoffe werden mit insgesamt 13 Mrd. € (40 €/tCO2) bzw. 16 Mrd.€ (50 €/tCO2) beaufschlagt, damit um 9 Mrd. € bzw. 12 Mrd.€ mehr als im jetzigen Zustand. Die CO2-Abgabe für Kraftstoffe (einschließlich Flugtreibstoffe) führt zu einem zusätzlichen Aufkommen von knapp 10 Mrd. € (40 €/tCO2) bzw. 13 Mrd. € (50 €/tCO2). Eine CO2-Abgabe in dieser Höhe führt zu Letztverbraucherpreisen fossiler Energieträger in der Größenordnung des Preisniveaus des Jahres 2012.
  12. Eine CO2-Abgabe erfüllt die Zwecke der derzeitigen Steuern und Umlagen gleichwertig. Sie ermöglicht darüber hinaus die Finanzierung der EEG- und der KWK-Umlage, solange diese noch erforderlich sind. Da sich Strom für die Mehrzahl der Endverbraucher deutlich verbilligt, fossile Wärme und Kraftstoffe sich verteuern, wird mit ihr in marktwirtschaftlich effektiver Weise die erforderliche Sektorkopplung, d.h. das Vordringen von EE-Strom im Wärme- und im Verkehrssektor, angestoßen und kann zukünftig gezielt durch eine stetige Anpassung des CO2-Preises aufrechterhalten werden. Damit verfügt man über ein marktkonformes und transparentes Steuerungsinstrument, welches die notwendige Flexibilität und Schnelligkeit bei der permanent notwendigen Anpassung des Transformationsprozesses im Energiebereich bis zur völligen „Dekarbonisierung“ um die Jahrhundertmitte gewährleistet. Das derzeitige komplexe, unübersichtliche, teilweise widersprüchliche und mit zahlreichen Ausnahmeregelungen behaftete Förderinstrumentariums kann gezielt zurückgebaut und mittelfristig eingestellt werden.