2035 oder 2050? Ohne schnell wirksamere Maßnahmen sind alle Ziele nichts

2035 oder 2050? Ohne schnell wirksamere Maßnahmen sind alle Ziele nichts

Spaltet die Diskussion um das Klimaziel die Umweltbewegung? Was bedeutet es, die Erdüberhitzung auf 1,5°Celsius zu begrenzen? Reicht „grünes Wachstum“ allein aus? Wie lässt sich ein Klima-Lockdown noch verhindern? Wie kommen wir vom Wissen zum Handeln? Und was müssen Regierung und Gesellschaft beitragen?

Ein Beitrag von Ulf Sieberg

Zwei Studien kamen im Oktober heraus, die im Ziel unterschiedlicher nicht hätten sein können. Während die Fridays for Future mit einer Machbarkeitsstudie finanziert von der GLS Bank aufzeigten, dass Deutschland bereits bis 2035 klimaneutral werden kann, um die Chance einer Begrenzung der Erdüberhitzung auf 1,5° Celsius aufrecht zu erhalten, warben die Agora-Think Tanks und die Stiftung Klimaneutralität für ein klimaneutrales Deutschland bis 2050. Michael Bauchmüller beschrieb letztere Studie in der Süddeutschen Zeitung so: “Die Wohnfläche pro Kopf darf weiter steigen, die Mobilität ist nicht eingeschränkt, aktuelle Ernährungstrends werden fortgeschrieben & die Industrie bleibt im Land.“ Alles soll also so weitergehen wie bisher, nur in „Grün“. Verfolgte man die Pressekonferenz von Patrick Graichen, Christian Hochfeldt undRainer Baake in der staatstragenden Bundespressekonferenz, konnte man den Eindruck gewinnen, da laufen sich drei Herren für zukünftige Staatssekretärsposten in einer Schwarz-Grünen Koalition warm. Da will man niemandem wehtun: Weder der Sache, noch den Wählenden und erst recht nicht den möglichen Regierungsparteien. Aber ist das auch glaubwürdig? Eher nicht.

Exponentielles Wachstum stoppen und Trend umkehren

Denn trotz ALLER bisherigen Bemühungen der Klimakrise zu begegnen: Es herrscht exponentielles Wachstum. Nicht nur das Corona-Virus steigt exponentiell, auch die CO2-Konzentration in der Erdatmosphäre. Im Jahr 2019 lag der Wert erstmals in der Geschichte der Menschheit bei 415 Parts per Million (ppm). Zwar bedeutet der Anstieg nicht automatisch auch einen Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur. Noch nicht, denn wehe dem, wenn. Das Problem ist, wir könnten es erst kurz vor Einsetzen der Vollkatastrophe bemerken, weil dass das Wesen exponentieller Wachstumskurven ist (vgl. Christian Stöcker im Spiegel), wie wir an Corona gerade leidvoll erfahren. So oder so bewegt sich die Entwicklung aber schon jetzt nicht im verbleibenden CO2-Budget. Der Weltklimarat IPCC hat 2018 das verbleibende globale CO₂-Budget für unterschiedliche Klimaziele veröffentlicht. Wenn wir die Erdüberhitzung auf 1,5°C begrenzen wollen, dürfen wir nur noch knapp 500 Milliarden Tonnen CO2 ausstoßen. Aktuell stößt die Menschheit jährlich fast 45 Milliarden Tonnen aus. Wie diese verteilt werden, sagt das Paris-Abkommen nicht. Möglich wäre die Verteilung nach dem gleichen Emissionsrecht für jeden Menschen, nach der historischen Verantwortung, der gleichen prozentualen Minderung in allen Ländern oder nach dem Jeder-was-er-kann-Prinzip. Im Paris-Abkommen herrscht genau dieses „Klingelbeutelprinzip“. Am plausibelsten wären die beiden ersten Prinzipien. Wie Stefan Rahmsdorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung zusammenfasst. (Weiterführende Quellen zu den Aussagen in den beiden Links)

Die Größe der Aufgabe: 10 Jahre Corona-Lockdown

Vor diesem Hintergrund reicht das Ziel des EU Green Deal von mindestens 55% Emissionsreduktion bis 2030 nicht aus. Deswegen sollte laut Studie der „Staatssekretärsanwärterrunde“ das Ziel auch auf mindestens 65% geschraubt werden. Zudem will die EU „negative Emissionen“ durch die Aufnahme von CO2 in Senken, d.h. in Wäldern, Mooren & Co. anrechnen. Diese aber, in diesem Jahr gut sichtbar, werden zunehmend durch von Hitzeperioden und Dürren ausgelösten Bränden zu CO2-Quellen. Wer zulange mit der Emissionsreduktion zaudert, weil er die Klimakrise verharmlost oder niemandem wehtun möchte, muss zu einem späteren Zeitpunkt noch disruptiver die Emissionen senken. Brigitte Knopf vom Mercator Research on Global Common and Climate Change beschrieb das auf einer Veranstaltung des CO2 Abgabe e.V. im Juni so: „Zehn Jahre Corona-Lockdown, und wir haben die Klimaziele erreicht.“ Andersherum kann, wer anfangs die Emissionen nicht gradlinig, sondern schneller reduziert, den Zeitpunkt der vollständigen Emissionsreduktion nach hinten schieben, zu dem netto null erreicht wird. [Wir hatten dazu im Juli 2019 auf dem Cover unserer CO2-Vermeidungsstudie die passende Graphik abgebildet, die von diversen Akteuren adaptiert wurde ( vgl. SRU 2020; PIK 2020; www.showyourbudgets.org)]. Ein erst schnelles und entschlossenes Handeln wäre allemal beruhigender, weil man dann wüsste, dass man sich auf dem richtigen Pfad befände, um dann den letzten Rest später zu schaffen. Und da kommen die Studien auch wieder zusammen und sagen, was alle schon wissen: Wir müssen schneller in der Emissionsreduktion werden, sonst verspielt die Politik ihr Zeitfenster zum Handeln und viele ihrer Handlungsmöglichkeiten! Die Folge: Die Natur würde uns durch die Kippelemente im Klimasystem einen Klima-Lockdown aufzwingen. Die Politik wäre nur noch Krisen-Reakteur.

Verhindert „grünes Wirtschaften“ den Klima-Lockdown?

Das Weiter-wie-bisher-nur-grün-Prinzip zeigte sich in der „Staatssektretärsanwärterrunde“ auch beim Wirtschaftswachstum. Satte 1,7 Prozent Wachstum soll die Klimaneutralität 2050 jährlich bringen. Angesichts der Corona-Krise ein goldenes, aber vergiftetes Versprechen. Denn auch exponentielles Wirtschaftswachstum gemessen mit dem Bruttoinlandsprodukt ­ sorgt dafür, dass sich die Größe einer Volkswirtschaft in zirka 40 Jahren verdoppelt. Doch selbst wenn sich mit einem Teil des Wachstums die CO2-Emissionen tatsächlich auf netto null drücken ließen, ginge damit ein exponentiell gestiegener Ressourcenverbrauch einher. Eine kluge Person hat einmal gesagt: „Der Sozialismus scheiterte an der Mangelwirtschaft, der Kapitalismus scheitert am Ressourcenverbrauch.“ Was die deutsche Ikone der Fridays-Bewegung Luisa Neubauer zu der Frage veranlasst, dass es noch etwas anderes geben müsse zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Die inhaltsfreie Werttheorie des Kapitalismus jedenfalls ist nicht in Stein gemeißelt. Waren und Dienstleistungen sind nicht per se gut. Preise dürfen nicht mit Werten gleichgesetzt werden. Auch wenn große Teile der Wirtschaft und der Politik, vor allem in der doch der „Schöpfung“ so am Herzen liegenden Unionsparteien, den Eindruck erwecken, Wirtschaftswachstum, BIP und Angebot und Nachfrage sind keine objektiven und schon gar keine verfassungsmäßigen Gesetzmäßigkeiten! Wirtschaft, die uns weiter in die Klima- und Artenkrise treibt, hat abgewirtschaftet.

Vom Wissen zum Handeln: Alles Psychologie?

Mit der Erzählung vom „grünen Wachstum“ soll die Gesellschaft mit auf den Weg der Transformation genommen werden. Denn „wir leben viel habitualisierter, als wir denken“ (Armin Nassehi, Soziologe). Wir wissen zwar viel, aber handeln nicht nach diesem Wissen. Die psychologischen Gründe sind vielfältig: Individuelle persönliche Erfahrungen, ihre Wertvorstellung, die (politische) Identität, persönliche Einschätzungen sowie die Wahrnehmung der Folgen des eigenen Handelns. Da ist es bequem, wenn uns jemand erzählt, es könne alles so bleiben, wie es ist. Wenn dann damit auch noch die Klimakrise gelöst wird, wunderbar. Zumindest sollte es den meisten Menschen leichter fallen, bei der Transformation mitzumachen. Doch ist dies vor dem Hintergrund der Größe der Aufgabe auch realistisch? In Zeiten, in denen „Kinder die neuen Realisten sind“ und „in Krisen Erfolg eine Falle ist“ (Harald Welzer, Soziologe), Erwachsene aber dem Alles-soll-so-bleiben-wie-es-ist-nur-in-Grün-anhängen, kann der Mut zur Veränderung gar nicht groß genug sein. Die Zukunft kommt schneller als mancher denkt. Wie sie aussieht, entscheiden wir. Bevor also ambitionierte Ziele aufgegeben werden, sollte erst einmal alles dafür getan werden, sie zu erreichen. Denn Ziele sind das eine, aber ohne schnell wirksamere Maßnahmen sind alle Ziele nichts. Spätestens nach der Bundestagswahl 2021 braucht es ein 100-Tage-Sofortprogramm mit Maßnahmen, die schnell wirken.

Weiterführende Informationen und Maßnahmen:
Was wir aus Corona für die Transformation lernen können?

Was wir aus Corona für die Transformation lernen können?

Was wir aus Corona für die Transformation lernen können?
Wir müssen mehr auf die Praktikabilität statt auf kognitive Überzeugung setzen

Eine soziologische Perspektive auf die Parallelen zwischen der Corona- und Klimakrise von Dr. Armin Nassehi

Aus welchen Erfahrungen können wir aus der Corona-Krise für die Klimakrise lernen?

Das Menschliches Verhalten ist stark habitualisiert.

Es gibt kaum etwas, was die Menschen weniger lernen können als das Verlernen. Besonders die (Hochschul-)gebildeten Menschen tun sich hier schwer. Sie haben gelernt, dass Handlungen auf rational begründbaren Handlungsplänen basieren. Doch das ist in der Realität oft nicht der Fall. Wir leben viel habitualisierter, als wir denken.

Nachdem die Corona-Maßnahmen gelockert wurden, zum Beispiel, sind die Menschen wieder zum alten Verhalten zurückgegangen.

Auch unsere Lösungsperspektiven sind weiterhin ähnlich wie zuvor. Wir glauben immer noch, dass die moderne Welt z.B. durch Konsumreduzierung und anderen bekannten Instrumenten gerettet werden kann.

Und diese Einsicht, dass wir stark habitualisiert agieren und unsere Gewohnheiten schwer ändern, müssen wir im Kopf behalten. Denn für die Transformation müssen wir unsere Alltagspraktiken ändern.

 

Und wie funktioniert das? Wie gestalten wir den Alltag transformationstauglich?  

Dafür müssen wir uns einmal anschauen, wie Produkte und Dienstleistungen Plausibilität in unserem Alltag bekommen. Sie überzeugen stets nur durch ihre Alltagstauglichkeit und Praktikabilität.

Wie können wir uns das vorstellen?

Nehmen wir zum Beispiel unsere Smartphone-Nutzung. Die ständige Nutzung ist nicht auf kognitiven Bewegungsgründe oder rationale Begründungen zurückzuführen. Vielmehr kritisieren wir unser Verhalten sogar. Die Praktiken, die diese Geräte ermöglichen, haben sich einfach im Alltag bewährt. Was wir uns fragen müssen: Wie bekommen wir die Widersprüchlichkeiten moderner Alltagssituationen in die Diskussion um die ökologische Transformation?

Wir werden Alltagspraktiken nicht ändern, wenn wir nur auf kognitive Überzeugung setzen, sondern erst, wenn wir praktikable Lösungen finden, die sich im Alltag bewähren.

Wir sind Gefangene in unserem eigenen Milieu, wenn wir weiter über Begründungen gehen, wir müssen stärker über Praktiken gehen.

In wieweit lässt sich die Corona-Krise also als Chance begreifen?

Die Corona-Krise ist in soweit als Chance zu sehen, als dass wir manche Routinen neu bewerten müssen. Denn wir waren und sind gezwungen, alte Routinen zu verändern (z.B. Digitalisierung in der Bildung).

Die beste Transformation ist die, die man zwar stark merkt, aber zu der man sich nicht normativ entscheiden muss, weil sie praktisch funktioniert.

Die Originalbeiträge von Dr. Nassehi auf unserer Energietage-Veranstaltung finden Sie hier:
Block 1: Corona-und Klimakrise verzahnen
Block 3: Was brauchen Mittelstand & Industrie, um klimaneutral produzieren zu können?

Corona- und Klimakrise verzahnen: Wie Industrie und Mittelstand in Europa und in Deutschland klimaneutral werden

Corona- und Klimakrise verzahnen: Wie Industrie und Mittelstand in Europa und in Deutschland klimaneutral werden

Der CO2 Abgabe e.V. auf den Digitalen Berliner Energietagen 2020

Berlin, 4. Juni 2020. Die Corona-Krise stellt die Wirtschaft auf eine nie dagewesene Belastungsprobe. Auf den dieses Mal digital durchgeführten Berliner Energietagen 2020 diskutierten wir in drei aufeinander folgenden Veranstaltungen mit 250 Teilnehmenden aus Wissenschaft, der britischen Botschaft, Ministerien, der EU-Kommission, Unternehmen aus Industrie und Mittelstand sowie dem Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft, wie sich Corona- und Klimakrise verzahnen lassen, um die Wirtschaft in Europa und Deutschland klimaneutral zu machen. Die Veranstaltung stand auch im Lichte des Konjunkturprogramms, auf das sich die Bundesregierung in der Nacht zuvor geeinigt hatte.

Block I: Corona- und Klimakrise verzahnen

Im ersten Teil der Veranstaltungsreihe warben Dr. Brigitte Knopf, Generalsekretärin vom Mercator Research Institut on Global Commons and Climate Change (MCC) und Dr. Rachel King, Botschaftsrätin der Britischen Botschaft in Berlin für die Einführung eines CO2-Mindestpreises im EU-Emissionshandel. Deutschland könne hier auf die Erfahrungen und Erfolge mit dem im Jahr 2013/14 in Großbritannien eingeführten Carbon Price Floor zurückgreifen. Die EU-Ratspräsidentschaft böte die Chance, das Thema voranzutreiben. Frau Dr. Knopf verwies zudem darauf, dass es neben den Zielen für einen ambitionierten Klimaschutz in der EU und ein Klimaschutzgesetz endlich auch um die Umsetzung zur Zielerreichung gehen müsse. Gerade die Sektoren Wärme und Verkehr müssten dazu in den Blick genommen und ein CO2-Preis als deutsches und europäisches Leitinstrument und ökonomische Grundlage für den Klimaschutz vorangetrieben werden. Prof. Dr. Arnim Nassehi, Lehrstuhlinhaber für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München gab eine Einordnung der Corona- und der Klimakrise. So lege die Corona-Krise die Zielkonflikte moderner Gesellschaften schonungslos offen. Allerdings sei das Verlernen klimaschädlichen Verhaltens das Schwierigste überhaupt, da menschliches Verhalten stark habitualisiert sei. Leider sei das Verhalten nach dem Lockdown das Gleiche wie vor der Krise und die Vorstellungen der Politik, die Krise(n) zu bewältigen sei ohne das Anfachen des Konsums wohl nur schwer vorstellbar.

Block II: Wie werden Industrie und Mittelstand in Deutschland und Europa klimaneutral?

Im zweiten Teil der Veranstaltung diskutierten dann Stefanie Hiesinger aus dem Kabinett von EU-Kommissar Frans Timmermans, Malte Bornkamm vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie sowie Dr. Steffen Jenner vom Bundesministerium der Finanzen, wie die Europäische Union und Deutschland klimaneutral werden könnten vor dem Hintergrund des aktuellen Beschlusses der Bundesregierung zum Konjunkturprogramm.

Herr Bornkamm stellte klar, dass es beim Konjunkturprogramm um einen Impuls für die bestehenden Strukturen ginge, um die Wirtschaft kurzfristig wieder zum Laufen zu bringen. Trotzdem seien auch hier bereits Impulse für die Transformation enthalten, wie technologische Entwicklungen der erneuerbaren Energien oder beim Wasserstoff. Die Hälfte der 140 Milliarden Euro würde auf den Klimaschutz einzahlen. Dagegen hatte Herr Dr. Lange vom CO2 Abgabe e.V. in seiner Eingangsbegrüßung die Mittel für den Klimaschutz nur auf 14 Milliarden Euro beziffert. Auf die Frage, warum Deutschland keinen Carbon Price Floor habe und den Kohleausstieg marktwirtschaftlich organisiert, argumentierte er, Deutschland würde parallel auch den Atomausstieg bewältigen und hätte starke Braunkohleanteile. Grundsätzlich seien marktwirtschaftliche Anreize richtig, auch wenn der Kohleausstieg nicht so zu bezeichnen sei. Überlegungen, im Rahmen des Konjunkturpakets klimaschädliche Subventionen abzubauen habe es nicht gegeben. Mit Spannung blicke das BMWi auf die Vorschläge der EU-Kommission zum Grenzausgleich. Damit verbunden seien Fragen der Kontrollmechanismen und die Vermeidung von Umgehungsmöglichkeiten. Der Carbon Leakage-Schutz in Deutschland habe sich bewährt. Die Schlechterstellung von Teilen der Industrie bei der Strompreiskompensation durch die EU-Kommission müsse verhindert werden. EU-Kommissarin Vestager hatte angekündigt, Unternehmen von der Liste zu streichen. Dies würde vor allem Unternehmen benachteiligen, die bereits in den Klimaschutz investiert haben.

Herr Dr. Jenner aus dem BMF verteidigte den „Wumms“, den die Bundesregierung verabschiedet habe, als Weg in die richtige Richtung. Maßnahmen aus dem Klimaschutzprogramm 2030 würden aufgestockt und nun durch das Konjunkturprogramm angeschoben. Beispiele wie das Thema Wasserstoff würden jetzt erst erstmals angegangen. Damit habe das Konjunkturprogramm eine Transformations- und Klimaschutzdimension, um aus der Corona-Krise zu kommen. Zentrales Instrument sei der Emissionshandel, um Investitionen in Industrie und Wirtschaft in die richtigen Bahnen zu lenken. Diskutiert werden müsse, ob es einen CO2-Mindestpreis im Emissionshandel geben muss, um Investitionen in den Klimaschutz durch sinkende Preise nicht zu entwerten. Am bestehenden Carbon Leakage-Schutz der Industrie müsse festgehalten werden. Perspektivisch müsse der Anteil der Förderung der Bundesregierung abnehmen und marktwirtschaftliche Anreize und klare Vorgaben zunehmen.

Frau Hiesinger von der EU-Kommission sagte, mit dem Europäischen Grünen Deal habe man eine Wachstumsstrategie vorgelegt, wie klimafreundliche Technologien vorangebracht werden können. Zudem gebe es zahlreiche Instrumente wie den Emissionshandel, der heute schon entsprechende Anreize bieten würde. Eine Bewertung des Konjunkturprogramms stünde ihr nicht zu. Es sei aber wichtig, dass es eine einheitliche Zielvorgabe für den Klimaschutz in der EU gebe und alle in der EU mitzunehmen, um eine kohärente Politik zu gewährleisten. Der Just Transition Funds böte dazu die Möglichkeit, dass keine Region zurückbleibe, wie die mittel- und osteuropäischen Staaten, die vor großen Herausforderungen bezüglich der Klimaneutralität stünden. Ein höherer CO2-Preis allein reiche nicht aus, um Klimaneutral zu werden. Der Emissionshandel müsse sich weiterentwickeln, zunächst stünden aber die Folgenabschätzung für ein verschärftes 2030-Klimaziel und das Klimaschutzgesetz im Vordergrund für Klimaneutralität 2050. In diesem Zusammenhang wird auch die Erweiterung des EU-EHS auf die Bereiche Verkehr und Wärme diskutiert. Der Climate Target Plan werde die grobe Richtung bereits vorgeben, allerdings werde es erst im Juni 2021 eine Folgenabschätzung zum Emissionshandel und für die Weiterentwicklung der EU-Energiesteuerrichtlinie geben, wie es im Green Deal bereits angelegt sei. All dies sei gerade in Arbeit und die Diskussion darüber nicht abgeschlossen. Der Grenzausgleich müsse diskutiert werden, auch wenn er bereits über Jahre bereits kontrovers diskutiert würde. Derzeit würden die Möglichkeiten der Ausgestaltung analysiert und dann im Frühjahr 2021 vorgestellt. Im Moment gäbe es aber einen wirksamen Carbon Leakage-Schutz durch die kostenlose Zuteilung von Zertifikaten. Die Verlagerung von Emissionen stehe bei der Diskussion im Vordergrund. Im Auge seien dabei die administrativen Kosten und die beihilferechtlichen Fragen zu behalten. International sei bis auf wenige ein Konsens gegeben den man nutzen müsse, um den Klimaschutz voranzubringen. Zur Frage, welche Unternehmen zukünftig noch Strompreiskompensationen erhielten, gäbe es noch keine finale Antwort. Es sei aber klar, dass die Mittel zur Kompensation nicht unbegrenzt seien und ein sogenanntes Soft Cap eingeführt werde. Alles unterliege der beihilferechtlichen Bewertung und sei aber noch Work in Progress.

Block III: Wie werden Industrie und Mittelstand klimaneutral?

Im dritten Teil der Veranstaltung diskutierten Ulf Gehrckens von der Aurubis AG aus Hamburg, Julian Meyer von der Mesa Parts GmbH, einem Drehteile- und Medizintechnikhersteller aus Baden-Württemberg und Mitglied im CO2 Abgabe e.V. sowie Kerstin Andreae, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft, was es brauche, damit Industrie und Mittelstand klimaneutral werden.

Kerstin Andreae sagte in ihrem Impuls, Resilienz spiele eine immer größere Rolle, um die Wirtschaft zu stärken. Dabei käme CO2-Preisen und Ordnungsrecht eine zentrale Bedeutung zu, um Investitionen in die richtigen Technologien zu lenken. Der Markt brauche Leitplanken, um ihn hin zu einer sozial-ökologischen Transformation auszurichten. Der Ausbau erneuerbarer Energien sei vor dem Hintergrund wirtschaftspolitischer Aspekte sehr wichtig, um Wertschöpfung zu generieren und auch aus der Krise zu kommen. Dazu seien allerdings die planungsrechtlichen Barrieren zu senken und mehr Wege, um Interessen auszugleichen und die Planung zu beschleunigen. Die deutsche EU-Ratspräsidentschaft müssen die Frage klären, welche Rolle der Klimaschutz im Beihilferecht spielen müsse, um nicht ausgebremst zu werden. Zudem müsse mehr Geld in nachhaltige Investitionen über die EU-Taxonomie und Sustainable Finance gelenkt werden. Grüner Wasserstoff müsse die Perspektive für die Industrie sein, allerdings müsse die Diskussion hier ehrlich sein und könne nur langfristig eine Perspektive sein. Die EEG-Umlage müsse stärker als bisher geplant, gesenkt werden.

Die Einnahmen aus dem nationalen Emissionshandels sollten vollständig in die Senkung fließen und schlug einen Senkungsfonds vor, um staatlich induzierte Preisbestandteile im Energiebereich deutlich weiter abzusenken. In der Corona-Krise sei es gelungen, die Chance zu nutzen, mit dem Konjunkturpaket Maßnahmen zu fördern, die Klimaschutz und Resilienz voranzubringen. Dies müsse auch für die EU-Maßnahmen und mögliche internationale Initiativen gelten. Die Jugendlichen auf der Straße und die Umweltorganisationen hätten mit den Beschlüssen erhebliche Erfolge erzielt.

Ulf Gehrckens machte die Bedeutung für Kupfer für die Energiewende und die Energiewende deutlich, da es in jedem Transformator, in Windrädern und vielem mehr vorkomme. Elektrische Energie sei der größte Kostenblock im Unternehmen, das die größte Kupferhütte in Europa sei. Ein Drittel der Emissionen würde direkt, zwei Drittel indirekt über den Strombezug anfallen. Ein Wechsel sei noch von Erdgas zu Wasserstoff möglich, aber derzeit zu teuer. Zudem kritisierte er die EU-Kommission für die Pläne, weniger Unternehmen vor Wettbewerbsnachteilen zu schützen. So sollen Unternehmen daran gemessen werden, wieviel CO2 im Verhältnis zu ihrer Bruttowertschöpfung ausstießen. Läge der Quotient unter 1, würden keine Kompensationen mehr gegeben. Das benachteiligte Unternehmen wie Aurubis, die ihre Emissionen in der Vergangenheit bereits massiv gesenkt hätten, läge bei 0,7. Klimaschutz würde so nachträglich bestraft und Industrien mit hohem CO2-Ausstoß belohnt. Zudem sei es ein Problem, Fernwärme nicht direkt an die Endverbrauchenden zu verkaufen.

Julian Meyer verdeutlichte, dass aufgrund der intensiven Wettbewerbsbedingungen ein Grenzsteuerausgleich unausweichlich sei. Am besten zwischen der EU und dem Rest der Welt, da die Margen vieler Mittelständler extrem gering seien und die Verschlechterung des Wettbewerbs zur Abwanderung führe. Mitglied im CO2 Abgabe e.V. sei sein Unternehmen, weil die Vorschläge des CO2 Abgabe e.V. dazu führen würden, pro investiertem Euro sehr viel CO2-Einsparung zu erreichen. Ein einheitlicher CO2-Preis über alle Sektoren würde den größten Nutzen zu den geringsten Kosten ermöglichen und findet daher nicht nur bei seinem Unternehmen große Unterstützung. Industriebetriebe wie die Aurubis AG von der EEG-Umlage zu befreien sei grundsätzlich nachvollziehbar, weil ihr CO2-Footprint geringer sei als anderswo auf der Welt.

Prof. Dr. Armin Nassehi sprach die Diskrepanz zwischen lokalem Handeln auf deutscher oder europäischer Ebene im Verhältnis zu einer globalen Ebene an, denn Unternehmen wie Aurubis oder Mesa Parts stünden nun einmal im internationalen Wettbewerb, unterlägen aber keinen einheitlichen Wettbewerbsbedingungen. Darin zeige sich nicht nur der Wettbewerb, sondern auch die Steuerungsfähigkeit des Staates oder der internationalen Staatengemeinschaft. Es ginge aber nicht um reine Marktlösungen, da es diesen niemals gegeben habe und geben werde, sondern um die Verhandlungsprozesse und das Austarieren von Interessen. Er verglich die Debatte um die Klimakrise mit der Debatte um die Sozialstandards der 1970er Jahre. Es gehe daher um die richtige Kompensation, insofern sei die Debatte der EU mit dem Green Deal genau richtig. Es gäbe kein Problem der Wissenserkenntnis und der Zielsetzung, sondern der Schritte, die gegangen werden müsse und konkrete Maßnahmen. In ökonomischer Hinsicht könne keine Rede sein, aus der Corona-Krise gestärkt hervorzugehen. Auch das die enormen finanziellen Mittel vor allem für einen Re-Start herkömmlicher Wirtschaftsweisen genutzt würden, würden die Systeme nicht resilienter machen. Vielleicht läge eine Stärkung aber darin, dass verschiedene wissenschaftliche Disziplinen und wirtschaftliche wie politische Akteure sich besser verstehen, weil dann gemeinsam Lösungen wahrscheinlicher würden.

Die Veranstaltung lieferte zudem durch Umfrage unter den Teilnehmenden interessante Antworten zu Fragen der Corona- und Klimakrise und Lösungen für Industrie und Mittelstand.

Auf die Frage, ob die Menschheit aus der Coronakrise für die Klimakrise lernt, antworteten 78 Prozent, „ein bisschen, aber bei weitem nicht genug, um den Herausforderungen gerecht zu werden du eine sozial-ökologische Transformation einzuleiten“.

67 Prozent der Befragten sagten zudem, dass die konjunkturellen Hilfen der EU und Deutschlands nicht ausreichten, um die Klimaziele zu erreichen.

Für gute Klima- und Wirtschaftspolitik hielten 44,4 Prozent der Befragten die These von Herrn Dr. Jenner aus dem Bundesministerium für Finanzen, dass „Klimapolitik hauptsächlich als Förderpolitik zu verstehen, (…) wenn überhaupt kurzfristig sinnvoll [ist]. Mittel- und langfristig müssen Preise und Regeln die Lenkungsfunktion übernehmen“. 28,6 Prozent sprachen sich unter der gleichen Frage für einen CO2-Mindestpreis in Höhe von 50 Euro über alle Sektoren sowie einen Schutz der Industrie vor Carbon Leakage durch einen Grenzausgleich oder eine Konsumabgabe aus. Auf die direkte Frage, wie die Grundstoffindustrie bei der Dekarbonisierung unterstützt werden sollte, antworteten 77,3 Prozent der Befragten durch eine echten Grenzsausgleichsmechanismus. Im letzten Jahr hatten sich bei den Energietagen 68 Prozent bereits gegen die bestehende Strompreiskompensation für die Industrie ausgesprochen. Bei genauerer Nachfrage unter den Teilnehmenden forderten knapp 70 Prozent einen wirksamen CO2-Mindestpreis im Emissionshandel gefolgt von höheren CO2-Preisen durch Begrenzung der Emissionszertifikate mit 55 Prozent und einem Grenzausgleich sowie Carbon Contracts for Difference mit jeweils 40 Prozent der Stimmen.

Zu den Hintergrundfolien: 202000604_Folien_Energietage

Zu den Videobeiträgen

Zu den Umfrageergebnissen von 2020: Umfrageergebnisse BETs 2020

Die Krise für eine sozialökologische Transformation nutzen

Die Krise für eine sozialökologische Transformation nutzen

Einige Unternehmen werden trotz staatlicher Kredite und Auffangmaßnahmen die Krise nicht überleben. Einige der europäischen und globalen Lieferketten werden angepasst und umgebaut werden müssen. Ein wirksamer einheitlicher CO2-Preis, der unnötige Transportwege vermeidet, wäre ein Schritt in die richtige Richtung.

Es spricht vieles dafür, dass Deutschland gute Voraussetzungen (vergleichsweise niedrige Arbeitslosigkeit, hohes Niveau realen und gefühlten Wohlstands, hohe soziale Absicherung) hat, um sich relativ schnell zu erholen. Neben einer neuen Corona-Welle mit erneutem Lock-Down ist es vor allem die Klimakrise eine für alle Länder noch viel größere Herausforderung. Ernten vernichtende Heuschreckenschwärme in Afrika, die globale Regenwaldvernichtung oder Dürren in Europa lassen sich allenfalls kurzfristig verdrängen. Deutschland hat wie nur wenige Länder die Möglichkeiten und die Verpflichtung nun für eine grundlegende Veränderung unserer Lebens- und Wirtschaftsweise zu sorgen (siehe auch unsere Veranstaltung „Corona- & Klimakrise verzahnen“ auf den Digitalen Energietagen am 4. Juni u.a. mit dem Soziologen Prof. Armin Nassehi von der LMU München).

Unsere Vorschläge: Steuern als machtvolles Lenkungsinstrument neu entdecken statt sie als bloße Belastung zu diffamieren. Umweltschädliche Subventionen abschaffen statt neue Abwrackprämien für Benziner und Diesel zu fordern. Kurzfristige konjunkturelle Impulse sind für eine erfolgreiche sozialökologische Transformation zu nutzen. Wohlstand braucht andere Messinstrumente als das Bruttoinlandsprodukt, und Wachstum kann angesichts der Klimakrise nur noch grünes Wachstum sein. Wenn die Pandemie zumindest zu Beginn den Verantwortlichen parteiübergreifendes Handeln abverlangte, so gilt dies um so mehr für die Klimakrise. Die Liste der Sachverständigen in der Anhörung des Wirtschaftsausschusses des Bundestages (siehe unter Terminen in unserem Newsletter) zum „Neustart für die Wirtschaft“ lässt allerdings befürchten, dass die Fraktionen im Deutschen Bundestag auch weiterhin in Grabenkämpfen verharren. Vielversprechender sind da die Ansätze der Agora Energiewende, eines Gutachtens im Auftrag des BMU, des Rates für nachhaltige Entwicklung, der „Umweltweisen“ oder des Wissenschaftlichen Beirats für globale Umweltveränderungen. Und auch die Europäische Union plant mit ihrem „Green Deal“ einen Neustart.

Lesen Sie zu diesem Thema auch unseren Beitrag vom April: “Grüne” Wege aus der Krise.